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Im Mai kommen Sie mit
Schalke an den Bökelberg, der wenig später abgerissen
wird. Wie ist das, wenn Sie sich vorstellen, dass Sie dort ihre
größten Erfolge feierten?
Gestern Abend habe ich die Konferenzschaltung vom
Viertelfinale im Pokal verfolgt, und dann war das auch kurz Thema des
Moderators. Da habe ich darüber nachgedacht, dass das sicher
ein ganz eigenartiges Gefühl sein wird, wenn ich mit Schalke
ins Bökelbergstadion kommen werde, wo ich meine Wurzeln habe.
Wo ich groß geworden bin als Spieler, und wo ich meine ersten
Schritte als Trainer gemacht habe. Das wird sicher ein
wehmütiges, nachdenkliches Gefühl sein. Da wird dann
auch vor meinen Augen ein Film ablaufen von vielen großen
Begegnungen und Ereignissen.
Mit dem Bökelberg geht ein Mythos. Die Borussia und der
Bökelberg gehörten zusammen. Für den Verein
bricht eine neue Epoche an.
Gibt es ein Spiel oder Ereignis, das bei Ihnen
besonders hängen geblieben ist?
Es sind sehr viele Eindrücke haften
geblieben. Zum Beispiel das Aufstiegsjahr in der Regionalliga. Das war
etwas ganz Besonderes, obwohl ich später große
Erfolge gefeiert habe als Spieler und als Trainer. Für mich
war das erste Profi-Jahr mit 19 Jahren am Nachhaltigsten. Wo ich in der
Meisterschaft und in der Aufstiegsrunde zusammen, glaube ich, 31 Tore
(Anm. des Red.: Es waren 29 Tore in 31 Spielen) erzielt habe. Das war
ein wunderbares Gefühl. Genauso wie meine erste deutsche
Meisterschaft am Bökelberg.
Herausragende Ereignisse waren auch die Europacup-Spiele, und da
besonders das 7:1 gegen Inter Mailand, wo wir sicher das beste Spiel
der Vereinsgeschichte gemacht haben. Das war spektakulär, doch
es bekam leider einen bitteren Beigeschmack durch den
Büchsenwurf, und dass das Spiel dadurch annulliert wurde. Das
war dann zugleich die größte Enttäuschung.
Boninsegna hat ja perfekt geschauspielert, und ob die mit elf, mit
zwölf oder mit zehn gespielt hätten - die
hätten das Spiel sowieso nicht gewinnen können. An
dem Tag waren wir unwiderstehlich. Das haben wir drei Tage
später in der Bundesliga unterstrichen, als wir gegen den
Zweitplatzierten in der Liga, Schalke, 7:0 gewonnen haben. Da waren wir
einfach top in Form.
Aber nicht nur in diesem Achtelfinale hat die
Borussia unwiderstehlich gespielt, sondern auch 1973 im
DFB-Pokal-Endspiel. Was fällt Ihnen dazu ein?
Das Endspiel gegen unseren ewigen Rivalen Köln war ein Derby.
Das hatte auch noch die Zutat, dass Hennes Weisweiler Kölner
war und die Victoria trainiert hatte. Dadurch hatte er einen besonderen
Ehrgeiz, gegen Köln zu gewinnen. Das hat er auch auf die
Mannschaft übertragen. Es war ein spektakuläres Spiel
bei 35 Grad Hitze, mit Verlängerung und großartigen
Torhüterleistungen. Das sagt schon alles über das
Spiel aus, dass beide Torhüter die besten Leute auf dem Platz
waren. Dass beide Mannschaften einen attraktiven
Angriffsfußball und große Torchancen heraus
gespielt haben, aber beide Torhüter an dem Tag fast
unüberwindlich waren. Das war ein Höhepunkt, weil es
ein super Spiel beider Mannschaften war und große Akteure auf
dem Platz standen.
Stimmt es, dass Sie Günter Netzer
überredet haben, mit ins Stadion zu kommen?
Das ist richtig. Wir waren fünf Jahre
Zimmerkollegen und haben immer ein sehr gutes Verhältnis
gehabt. Das hat sich heute noch verstärkt. Günter war
natürlich tief enttäuscht, dass er von Anfang an
nicht dabei war und wollte nach Hause fahren. Ich habe ihm gesagt, dass
es im Ablauf des Spieles bestimmt Situationen gibt, wo wir ihn
brauchen, wo er eingewechselt wird und unter Umständen
für uns entscheidend sein kann. Wir haben über vieles
gesprochen, und ich habe ihn überzeugen können, dass
er für die Mannschaft spielt und nicht für den
Trainer. Obwohl er mit dem Hennes ein gutes Verhältnis hatte -
auf der einen Seite. Auf der anderen auch ein konfliktives. Aber ich
habe ihm gesagt, dass er für die Truppe da sein muss. Dass der
Erfolg und die Mannschaft im Vordergrund steht. Da der Günter
ja ein intelligenter Junge war und ist, hat er das verstanden und ist
auch da geblieben.
In der zweiten Halbzeit kam es ja zum Elfmeter
für Gladbach. Kurz vor der Ausführung ist Hannes
Löhr an Ihnen vorbei gegangen. Hat er etwas gesagt?
Da kann ich mich nicht daran erinnern. Der Hannes
war ein Schlitzohr, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Ich war
auch so konzentriert auf die Durchführung des Elfmeters, dass
ich nicht darauf geachtet habe. Der Elfer war dann nicht so gut
geschossen, auch nicht ganz so schlecht, aber der Torwart hat sehr gut
reagiert. Deswegen war es gut, dass der Günter das Tor noch
gemacht hat.
Als 1999 Ihr Kollege Bonhof in Gladbach
aufhörte, hat man auch Sie gefragt, ob Sie Nachfolger werden
wollten. Warum haben Sie abgelehnt?
Meine Arbeit für Gladbach ist getan. Als
Spieler, Assistenztrainer und Trainer war ich unheimlich viele Jahre
bei der Borussia. Ich glaube, 23 Jahre insgesamt. Damit ist
für mich das Kapitel beendet. Der Klub hat mir so viel
gegeben, und ich habe unheimlich viel Positives in
Mönchengladbach erlebt. Es wäre nicht gut, nochmal
zurück zu den Wurzeln zu gehen. Das ist abgeschlossen bei mir.
Als Sie Trainer in Spanien und Portugal waren,
haben Sie dort die Entwicklung der Borussia mitverfolgt?
Selbstverständlich. Meistens
über Videotext oder telefonisch direkt nach dem Spiel. Wenn
ich zuhause war, habe ich auch mal Ausschnitte gesehen oder das ein
oder andere Spiel. Die Borussia hat mich immer interessiert. Das ist ja
mein Klub. Ich hatte eine einzigartige Zeit da als Spieler und
später auch als Trainer. Mit Helmut Grashoff besonders. Das
sind Jahre, die man nicht aus dem Gedächtnis wegstreichen
kann. Es war eine wunderschöne Zeit.
Was glauben Sie, wo Gladbach am Ende der Saison
steht?
Vor der Winterpause haben sie gut gespielt. Sie
waren die besten Gegner, die bis dahin auf Schalke waren. Ich glaube,
dass sich die Borussia durch die Qualifikation für das
Halbfinale wieder fängt und steigern kann. Ich hoffe, dass sie
nichts mit dem Abstieg zu tun hat, dass sie ins gesicherte Mittelfeld
kommt, und dass sie dann auch mit der neuen Arena den ein oder anderen
Spieler mehr verpflichten kann. Dass sie wirtschaftlich auf besseren
und sichereren Beinen steht, und dass es kontinuierlich
aufwärts geht. Ich habe das Gefühl, dass mit
Hochstätter und Fach etwas in der Entstehung ist.
4. Februar 2004
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